ORT 1 | Eingangsbereich der Memorialanlagen
Wir stehen nun am Eingangsbereich der Memorialanlagen. Mit dem 450 Meter langen Prozessionsweg bilden sie das geografische Zentrum des Heidefriedhofs. Ihre heutige Gestalt (im materiellen wie übertragenen Sinne) erhielten sie durch vier aufeinander folgende, teils einander überlagernde Entwicklungen.
Erstens plante die Stadtverwaltung während des Zweiten Weltkrieges am nordöstlichen Ende der Mittelachse des Friedhofs Grabflächen für die zu erwartenden Toten alliierter Luftangriffe. Als Dresden im Februar 1945 tatsächlich von schweren Luftangriffen getroffen wurde, nutzte man diese Flächen wie geplant und erweiterte sie.
Zweitens wurde diese Grabflächen zwischen 1952 und 1954 zu einer aufwändig konzipierten Gedenkanlage aufgewertet, in der nun alljährlich großangelegte Manifestationen im Erinnern an die Luftangriffe stattfanden. Beherrschendes Thema dort war das Bekenntnis der DDR als Friedensstaat und die Abgrenzung zum »kriegstreibenden« Westen.
Drittens errichtete man 1964/65 im vorderen, südöstlichen Teil der Mittelachse eine großzügige Gedenk- und Begräbnisanlage für antifaschistische Widerstandskämpfer und Opfer des Nationalsozialismus. An der Schnittstelle beider Anlagen entstand ein runder Kundgebungsplatz. Dieser Teil der Mittelachse diente der DDR-Staatspartei für regelmäßige Kundgebungen, Feierstunden und andere Rituale, in denen sich der ostdeutsche Staat in der Tradition des antifaschistischen Widerstands inszenierte.
Und schließlich, viertens, wurde nach 1990 zunächst das überkommene Gedenkritual an die Luftangriffe, später die Anlage selbst, zum symbolhaften Gegenstand in den öffentlichen Auseinandersetzungen um die geschichtliche Identität des wiedervereinigten Deutschlands.
Wenn Sie nun entlang der Mittelachse zu den Grabflächen der Luftkriegstoten (ORT 2) gehen, vollziehen sie ein wichtiges Element der vielen öffentlichen Veranstaltungen nach, die hier zwischen 1950 und 2014 stattfanden: Die feierliche Prozession. Genau dafür ist die breite Mittelachse der Memorialanlagen ausgelegt. Wo die Prozession stoppt oder woran sie vorrübergeht, das bestimmt den Sinngehalt der Inszenierung. So kann hier höchst Unterschiedliches erinnert und bekräftigt werden.
Gehen Sie nun bis fast zum Ende der Hauptachse entlang des 500 m langen Prozessionswegs. Vor der abschließenden Mahnmalswand ist mittig eine unauffällige Grünfläche angeordnet.
Konzept und Text: Matthias Neutzner
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