ORT 2 | Grabflächen der Luftkriegstoten des Februar 1945

Wir stehen nun zwischen den Grabflächen der Toten der alliierten Luftangriffe auf Dresden im Februar 1945. Sie haben eine Vorgeschichte, die bereits 1938 begann: Als der Heidefriedhof 1936 schrittweisen in Betrieb ging, wurde Dresden im Zuge der deutschen Wideraufrüstung massiv als Militärstandort ausgebaut. Auch der Heidefriedhof erhielt militärische Zuschreibungen – zunächst 1938 im Zuge der Luftkriegsvorbereitungen als potenzieller Ort für zivile »Massenbestattungen« , ein Jahr später, mit dem Beginn des Krieges, auch als militärischer »Ehrenhain«. Erst zur Jahreswende 1943/44, als der Bombenkrieg der westlichen Alliierten gegen Deutschland auch Dresden bedrohte, wurden die Planungen aktiviert und auf dem Heidefriedhof vier rechteckige Felder mit Reihengräbern für 10.000 Tote abgesteckt . Man improvisierte die zugehörigen Wegeführungen und terrassierte einen kleinen runden »Feierplatz« in der Mittelachse der Anlage.

Als Dresden zwischen dem 13. und 15. Februar 1945 tatsächlich zum Ziel massiver Luftangriffe wurde, übertraf die Katastrophe selbst die ohnehin pessimistischen Planungen der Verantwortlichen. Bereits am Tag nach dem nächtlichen Feuersturm begannen die vorsorglich eingeteilten städtischen »Bestattungstrupps« gemeinsam mit Kriegsgefangenen damit, die auf dem Heidefriedhof markierten Gräben auszuheben. Täglich trafen nun die geborgenen Toten ein – schon in der ersten Woche mehr als 9000 Leichen, die man, meist mit Pferdefuhrwerken, aus dem etwa acht Kilometer entfernten Stadtzentrum heranfuhr. Die Körper wurden unter den Bäumen am Rande der Begräbnisfläche ausgelegt, wo zunächst Beamte der Kriminalpolizei versuchten, die Identität der Toten festzustellen. Ein Karteiführer des Bestattungstrupps registrierte die Angaben, ehe man die Leichen in die Gräben schichtete – ohne Sarg, auf der Seite liegend und so eng nebeneinander als irgend möglich. Nach dem Verfüllen erhielt jede Grabstelle eine schmale Holzleiste als Markierung, auf der die Registriernummer des Toten verzeichnet war. 

Rasch mussten die vorbereiteten Begräbnisflächen erweitert werden. Am rechten (nordöstlichen) Rand der vier vorgeplanten Flächen wurden weitere schmale Streifen vor dem Kiefernwald, der die Lichtung begrenzt, gerodet und für Reihengräber genutzt. Zusätzlich hob man in der zentralen Achse der Anlage eine Grube aus, um die Asche derjenigen Toten aufzunehmen, deren Leichen aus Mangel an Transportmitteln auf dem innerstädtischen Altmarkt verbrannt worden waren. 

Insgesamt wurden auf dem Heidefriedhof ca. 17.600 der 25.000 im Februar 1945 in Dresden getöteten Menschen bestattet. Ihre Angehörigen blieben strikt ausgeschlossen, der Friedhof wurde für Zivilisten gesperrt. Die von der NSDAP geplante »Totenehrung« an den Gräbern fand nicht mehr statt. Stattdessen nutzte die deutsche Kriegspropaganda die Katastrophe für eine letzte, großangelegte und erfolgreiche Kampagne. Sofort wurde Dresden als einzigartige, unschuldige Kunststadt ohne jede Bedeutung für den Krieg behauptet. Die Propagandisten konnten dabei auf Dresdens Ruf als Kulturort von europäischem Rang vertrauen, der jede andere, auch die erhebliche militärische Bedeutung der Stadt nachdrücklich überstrahlte, und zudem internationale Aufmerksamkeit sicherte. Mit dramatischen Berichten und vielfach überhöhten Totenzahlen formte die Propagandaerzählung einen Superlativ: Der Dresdner Feuersturm wurde als größte zivile Katastrophe während des gesamten Krieges behauptet. Als Deutschland wenige Wochen später kapitulierte, war die karge Realität der provisorischen Gräber auf dem Heidefriedhof bereits in der propagandistisch erzeugten, ins Mythische entrückten Dresden-Erzählung von den namenlosen und unzählbaren Toten aufgehoben. Dresden wurde zur Chiffre für das Leid der Deutschen im Bombenkrieg und damit zum potentiellen Entlastungsargument für die Verbrechen der nationalsozialistischen Führung.

18. Juni 1947
Grabflächen der Luftkriegstoten, Blick auf die Flächen C und D mit Gräbern zumeist namentlich nicht bekannter Toter (rechts der Mittelachse).

Abbildung: Stadtarchiv Dresden, Bestand 6.4.40.1 Bildstelle Stadtplanungsamt

18. Juni 1947
Grabflächen der Luftkriegstoten. Blick auf die Fläche A mit Grabstellen namentlich bekannter Toter und provisorischen Grabmalen.

Abbildung: Deutsche Fotothek, Höhne-Pohl, 0029396_002

Gehen wir nun entlang der Hauptachse zurück bis auf die kleine Freifläche vor dem runden Kundgebungsplatz. Achten Sie auf die Grünflächen rechts und links des Weges. Dies sind die bereits 1943/44 vorbereiteten Grabflächen, die im Februar 1945 belegt wurden.

Konzept und Text: Matthias Neutzner
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