ORT 3 | Gedenkanlage für die Luftkriegstoten des Februar 1945 (1952–1954)

In den ersten Jahren nach Kriegsende lagen die Grabflächen der Luftkriegstoten wüst. Die katastrophale wirtschaftliche Situation verhinderte jede, auch nur provisorische Gestaltung der Anlage, so dass die Angehörigen zur Selbsthilfe griffen und auf eigene Faust provisorische Grabmale errichteten. Unablässig wuchs der öffentliche Druck auf die Verantwortlichen – auch mit dem Verweis auf die im Westen Deutschlands längst gelöste Aufgabe. Ohne jede Aussicht auf Ressourcen wich die Stadtverwaltung auf vage Ankündigungen und immer wieder neue Planungen aus. 

Nach 1949 wurde der kritisierte Zustand der Grabfelder auch aus anderer Perspektive unhaltbar: Zeitgleich mit der Gründung der DDR begannen die kommunistischen Machthaber im Osten Deutschlands das Erinnern an die Zerstörung der Stadt für die politische Propaganda im »Kalten Krieg« in Anspruch zu nehmen. In republikweiten Massenveranstaltungen wurde der »imperialistische Westen« am Beispiel Dresdens der Kriegsverbrechen angeklagt und neuerlicher »Kriegstreiberei« bezichtigt, während sich die DDR als Friedensstaat ohne jede geschichtliche Verantwortung für die Nazidiktatur darstellte. Um die Anklage so wirksam als möglich zu machen, bedienten sich die staatlichen Agitatoren der Dresden-Erzählung, die von der NS-Propaganda so erfolgreich etabliert worden war. Als das Berliner Politbüro der DDR-Staatspartei SED am Jahresende 1949 die erste nationale Dresden-Kampagne beschloss, mussten zwangsläufig auch die Grabstellen der Toten des 13. Februar 1945 in den Blick geraten. Allerdings war es bereits zu spät, sie bis zum kommenden fünften Jahrestag der Luftangriffe in einen halbwegs würdigen Zustand zu versetzen. So fand die am 13. Februar 1950 erstmals durchgeführte offizielle Kranzniederlegung auf dem Heidefriedhof vor einer improvisierten Mahnmalkulisse statt, hinter der die wüsten Grabflächen notdürftig verborgen blieben. 

Es dauerte weitere zwei Jahre ehe die Neugestaltung der Anlage endlich ernsthaft beginnen konnte. Für den geplanten Ehrenhain mussten nun die improvisierten Einzelmarkierungen der Gräber gegen den heftigen Widerstand der Angehörigen aufgegeben werden. Geprägt vom tradierten egalitären Bestattungsideal der Friedhofsreform und eingebunden in die aktuellen geschichtspolitischen Deutungen hielten es die Friedhofsarchitekten für notwendig, auf jede Individualität der Gräber zu verzichten. Die Toten des 13. Februar 1945 wurden damit endgültig zu ungezählten und nun auch namenlosen Opfern; die Symbolerzählung erhielt ihren materiellen Beweis. Im Februar 1954, neun Jahre nach den Luftangriffen, war der Ehrenhain für die Bombenopfer weitgehend fertiggestellt. Die lokale Presse beschrieb ihn anerkennend als Ort »wahrhaft schlichter Würde«, der »Ruhe und Frieden« ausstrahle, eine »schöne Sinfonie von Grün in allen Schattierungen«. 

Das Sprachbild macht deutlich, wie stark die Gartengestaltung die Wahrnehmung der Besucher dominierte. Zwar hatten die verschiedenen Ehrenhain-Planungen der Jahre zuvor auch zeichenhafte Architekturelemente vorgesehen, sie waren jedoch aus Mangel an Ressourcen schrittweise gestrichen worden. So wurde der Ehrenhain nun allein von einem übermannshohen Sandstein-Quader in der Mitte eines rechteckigen Vorplatzes eingeleitet, der auf plastischen Schmuck verzichtete und lediglich knappe Inschriften erhielt. (Der 1939 grob vorbereitete runde Feierplatz blieb ungenutzt.) Von diesem schlichten Mahnmal aus führte ein Mittelweg in der Symmetrieachse der Anlage durch die zu gleichförmigen Flächen zusammengefassten Grabfelder. Entlang des Weges ordnete man beidseitig je vier niedrige Kissensteine mit poetisierenden Sinnsprüchen an, die anstelle der aufgegebenen Einzelgräber zur Ablage von Blumen und Kränzen bestimmt waren. Die Anlage mündete in eine leicht erhöhte Terrasse mit dem von schmalen Steinbändern gerahmten Aschegrab. Dahinter wurde ein hölzernes Hochkreuz als Fluchtpunkt der Mittelachse angeordnet – wiederum ein der Materialnot geschuldetes Provisorium.

In der Kulisse des dicht heranreichenden Kiefernwalds erlebten die Besucher den Ehrenhain vor allem als Gedenkgarten. Dabei hatten die Gartenarchitekten der Stadtverwaltung – die in personeller Kontinuität bereits an den Planungen der 1930er Jahre beteiligt gewesen waren – auf ihre tradierten Überzeugungen zurückgegriffen: Unberührt von den gesellschaftlichen Umwälzungen hielten sie an den zwei Jahrzehnte zuvor entwickelten Leitbildern der Friedhofsreform fest. Gestalterisches Ideal blieb der Heidegarten. Die großen, anonymen Grabflächen bedeckten nun fast 100.000 Heidestauden, abwechslungsreich gegliedert durch mehr als 3000 Koniferen und Gehölze. Sie bildeten eine »der großartigsten und feierlichsten Gartengestaltungen Europas«, so das Urteil von Karl Förster in der in München erscheinenden Fachzeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftspflege. Enthusiastisch lobte der renommierte Fachmann die »meisterliche Naturgestaltung« mit ihrer so »neuartigen und bezwingenden« Schönheit, »deren Eindringlichkeit über alle Vorbegriffe geht«. Erleichtert ob der endlich – und nun so vorbildhaft – gelösten Aufgabe sandte die Friedhofsverwaltung Fotografien nach Westdeutschland um zu beweisen, »daß man in der DDR die unschuldigen Opfer der Terrorangriffe nicht vergessen hat.«

13. Februar 1961
Kranzniederlegung am Mahnmal in der Gedenkanlage für die Luftkriegstoten. Im Hintergrund, rechts und links des Prozessionsweges, befinden sich die Grabflächen. Die Anlage wird von einem hölzernen Hochkreuz abgeschlossen.

Abbildung: Deutsche Fotothek, Höhne-Pohl, df_hp_0036766_003

ORT 4 | Mahnmalwand | Wir kehren noch einmal zum Ende der Hauptachse zurück. Sie wird von der 1963 errichteten Mahnmalswand abgeschlossen.

Konzept und Text: Matthias Neutzner
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