ORT 8 | Skulptur »Trauerndes Mädchen am Tränenmeer« (2010)

Als im Herbst 1989 die DDR-Gesellschaft zusammengebrochen war, änderten sich die Prioritäten der Nutzung der Memorialanlagen auf dem Heidefriedhof: Als einzige offizielle Veranstaltung verblieb die seit 1950 tradierte Kranzniederlegung am Jahrestag der Luftangriffe auf Dresden. Während der 13. Februar in den Folgejahren schrittweise als nationales Erinnerungsdatum des wiedervereinigten Deutschland bekräftigt wurde, entwickelte sich das Gedenkritual auf dem Heidefriedhof zur protokollarisch gefassten Routine. Ab 1992 nahm neben der Stadtspitze auch die sächsische Landesregierung teil, ab 1994 diplomatische Vertreter Großbritanniens und der USA. Dagegen wurde nun der größere Teil der Memorialanlage, der den Widerstand gegen den Nationalsozialismus thematisiert, im offiziellen Zeremoniell und in der öffentlichen Wahrnehmung ignoriert. Gleichwohl bemühten sich einzelne Gruppen der Stadtgesellschaft, mit eigenen Veranstaltungen an diese Erinnerungsperspektive anzuschließen. Parallel investierten Staat und Kommune in die Erhaltung der sowohl als Kulturdenkmal als auch als Kriegsgräberstätte geschützten Gesamtanlage.

Die nun Jahr für Jahr nach einem festen Muster ablaufende Kranzniederlegung am 13. Februar erhielt ab 2005 einen kontroversen Charakter: Nach dem Einzug rechtsextremer Organisationen sowohl in den sächsischen Landtag als auch in den Dresdner Stadtrat gehörten nun auch deren Vertreter zu den protokollarisch zugelassenen Akteuren der Gedenkveranstaltung. Sie nutzten das Ritual als öffentliche Bekräftigung ihrer revisionistischen Geschichtsdeutung und demokratiefeindlichen Überzeugungen. Dagegen entwickelte sich rasch Protest; der Heidefriedhof am 13. Februar wurde zum umstrittenen, emotional aufgeladenen Erinnerungsort. Aktivisten linksgerichteter Gruppen versuchten regelmäßig, das Zeremoniell zu stören. Andere gesellschaftliche Akteure – etwa im Jahr 2008 die Jüdische Gemeinde – zogen sich demonstrativ von der Teilnahme zurück und entwickelten eigene Zeichensetzungen. Parallel polarisierte sich die kontroverse Diskussion entlang politischer Lager: Während die konservative Stadtratsmehrheit das Ritual als tradiert verteidigte, forderten Parteien, Organisationen und Initiativen im eher sozialdemokratisch-linken politischen Spektrum grundlegende Änderungen. 

Im Gegensatz dazu bekräftigte die Stadtverwaltung mit einer neuerlichen Zeichensetzung die konservative Deutung: Im September 2010 ließ sie am Eingang der Anlage die Bronzeskulptur eines »trauernden Mädchens« aufstellen. Auslöser der Initiative war die private Stiftung einer ehemaligen Dresdnerin, die der Stadt Dresden eine Denkmalsetzung für die im Februar 1945 getöteten Menschen antrug. Die Arbeit der Dresdner Bildhauerin Małgorzata Chodakowska thematisiert das Leid der Betroffenen von Krieg und Gewalt. Mit ihrer Entscheidung für den Standort der Skulptur deutete die Stadtverwaltung die gesamte Memorialanlage einseitig neu: Anfang und Ende des Prozessionsweges thematisieren nun allein das Erinnern an den Luftkrieg. Die Opfer des Nationalsozialismus treten in den Hintergrund. Damit wurde unreflektiert die Chance ausgeschlagen, die Widersprüche und Ambivalenzen des Erinnerungsortes künstlerisch aufzugreifen. 

Während sich nach 2005 die offizielle Gedenkzeremonie am Jahrestag der Luftangriffe unter massivem Polizeischutz in spannungsvoll aufgeladener Atmosphäre zum Pflichttermin für gesellschaftliche Repräsentanten, Medien, Wissenschaft und kritische Aktivisten entwickelte, blieben andere Bürgerinnen und Bürger mehr und mehr fern. In den Jahren zwischen 2009 und 2013 zwang der permanente Druck bürgerschaftlicher Initiativen die zögernde Stadtspitze zu schrittweisen Änderungen: Ein Redebeitrag wurde in das zuvor »wortlose« Ritual eingeführt, um die explizite Auseinandersetzung mit den von der demokratischen Stadtgesellschaft abgelehnten Deutungen zu ermöglichen. Änderungen der Raumchoreografie und der verwendeten Symbole ermöglichten individuellere Erinnerungsgesten. 

Da eine grundlegende Neuorientierung jedoch unterblieb, gelang es nicht, die Teilnahme der rechtsextremen Gruppen nachhaltig zu verhindern. Erneut schwoll die öffentliche Kritik an. Schließlich, im Vorfeld des 70. Jahrestages der Luftangriffe, 2015, gab die Stadtspitze das protokollarische Friedhofsritual auf. Stattdessen bieten nunmehr bürgerschaftliche Gruppen Unterstützung für die Menschen an, die den Jahrestag für privates Gedenken an den Gräbern nutzen möchten. Am 13. Februar 2015 hinterfragte eine Kunstinstallation den Friedensbezug des Ortes.

19. September 2010

Skulptur »Trauerndes Mädchen am Tränenmeer« am Tage der Einweihung

Fotografie: Matthias Neutzner

ORT 9 | Gedenk- und Begräbnisanlage für Opfer des Nationalsozialismus (1954/55, 1965 teilweise aufgelassen) | Wir gehen den Hauptweg in Richtung des Friedhofseingangs zurück. An der zweiten Wegkreuzung rechts abbiegen. Die Anlage befindet sich auf der rechten Seite.

Konzept und Text: Matthias Neutzner
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