ORT 5 | Kundgebungsplatz (1965, 1969 ergänzt)
Wir stehen nun auf dem runden Kundgebungsplatz in der Mitte der Memorialanlagen. Er wurde 1964/65 als Teil einer repräsentativen Grab- und Gedenkanlage für antifaschistische Widerstandskämpfer und Opfer des Nationalsozialismus errichtet. Die Planungen dafür reichen bis in das Jahr 1948 zurück. Bereits erste Entwürfe bezogen die an den »Ehrenhain der Bombenopfer« angrenzende runde »Feierstelle« ein. Sie war 1939 terrassiert worden und konnte mit geringem zusätzlichen Aufwand erschlossen werden. So waren es allein bauwirtschaftliche Zweckmäßigkeit, die zur engen räumlichen Verbindung der Grab- und Gedenkanlagen für die Luftkriegstoten und die »Opfer des Faschismus« führte.
Erst ab 1961 wurden diese Planungen wieder aufgegriffen. Nun benötigte man jedoch mehr Raum als ihn die runde »Feierstelle« geboten hätte. So wurde beschlossen, die gesamte noch ungenutzt gebliebene Waldschneise einzubeziehen und eine »in sich geschlossene Anlage« in »großzügiger Gestaltung« zu schaffen. Man sah den größeren, noch brach liegende Teil der Schneise für die Gräber der Widerstandskämpfer und Verfolgten des Naziregimes vor. Der ehemals als »Feier¬stelle« vorgesehene terrassierten Bereich wurde zugeschüttet und zum ebenfalls runden Kundgebungsplatz erweitert, der nun beide Grab- und Gedenkanlagen miteinander verband.
Auf diese Weise entstand ein durchgehender Prozessionsweg, der jedoch angesichts der antireligiösen Weltanschauung der Staatspartei unmöglich mit einem christlichen Symbol enden konnte: Wie wir bereits erfahren haben, wurde das Hochkreuz in der Grabanlage der Luftkriegstoten 1963 entfernt und durch eine konkav geschwungene Mahnmalwand ersetzt (ORT 4). Der 1954 errichtete Sandsteinquader entfiel.
In dieser Raumdramaturgie standen die Toten des Februar 1945 nun in der Nachbarschaft antifaschistischer Traditionspflege – obwohl sich unter ihnen auch Mitläufer, Mitschuldige und persönlich verantwortliche NS-Täter befinden. Die Interessenvertreter der Antifaschisten widersprachen dem nicht. Im Gegenteil: Während die Propagandaerzählung der »Zerstörung Dresdens« die Mitverantwortung der Stadt für NS-Diktatur und Krieg wirksam verdeckte, war man weithin der Überzeugung, gemeinsam Opfer zu sein – Opfer der »Faschisten« und des von ihnen begonnenen Krieges.
Auch die Gestaltung des Kundgebungsplatzes im Zentrum der Memorialanlage bekräftigte diese Vergangenheitsdeutung: Hier ordnete man auf jeder Seite der vom Mittelweg durchschnittenen Kreisfläche je sieben Stelen mit Ortsnamen an. Zwischen europäischen Städten und Dörfern, deren Namen auf deutsche Kriegsverbrechen weisen, ist auch Dresden erwähnt – eingeordnet zwischen Coventry und Leningrad. Auf der gegenüberliegenden Platzseite werden Symbolorte des Holocaust von Auschwitz bis Theresienstadt benannt.
Alle Ortsnamen klagen das nationalsozialistische Deutschland an. Die Zerstörung Dresdens wird hier explizit als Folge des Nationalsozialismus gedeutet, dabei jedoch – wie bereits in der gleichsetzenden Nachbarschaft der Grabanlagen – jede Mitverantwortung der Stadtgesellschaft verschwiegen. Diese Einordnung der Dresdner Katastrophe des Februar 1945 als sinnlose Vernichtung einer unschuldigen Stadt wurde in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg weithin – und auf beiden Seiten des »Eisernen Vorhangs« – geteilt. Populärwissenschaftliche und künstlerische Arbeiten hatten die NS-Propagandaerzählung weltweit bekräftigt, symbolhaft aufgeladen und vom historischen Kontext gelöst. Selbst in der 1955 angelegten Gedenkstätte im tschechischen Lidice, die an ein 1942 von den deutschen Besatzern verübtes Massaker erinnert, findet sich eine Denkmalsinstallation mit analoger Namensreihung: Auch dort wird Dresden anklagend allein als Opfer erinnert.
Dieser ahistorischen Zuschreibung widerspricht eine am 10. Februar 2025 eingeweihte künstlerische Markierung an der Stele mit dem Ortsnamen Dresden.
9. September 1973
Manifestation anlässlich des Tags der Opfer des Faschismus. Delegationen aus Dresdner Schulen schreiten die Stelen des Kundgebungsplatzes ab und legen Blumen nieder. Vor den Stelen sind Ehrenwachen der Nationalen Volksarmee und der Kampfgruppen postiert.
Abbildung: Deutsche Fotothek, Höhne-Pohl, df_hp_0044749_078
September 1965
Der fertiggestellte Kundgebungsplatz. Im Hintergrund die Fläche mit »Ehrengräbern verdienter Persönlichkeiten«, daran anschließend die Gedenk- und Begräbnisanlage für antifaschistische Widerstandskämpfer und Opfer des Nationalsozialismus (ORT 6)
Abbildung: Deutsche Fotothek, Höhne-Pohl, df_hpm_0029448_001
ORT 6 | Gedenk- und Begräbnisanlage für antifaschistische Widerstandskämpfer und Opfer des Nationalsozialismus | Wir gehen nun entlang der Hauptachse der Memorialanlagen weiter in Richtung des Eingangsbereichs. Am rechten und linken Rand der unmittelbar anschließenden Freiflächen befinden sich mehrere »Ehrengräber für verdiente Persönlichkeiten«. Auf dem weiteren Weg durchqueren wir die Gedenk- und Begräbnisanlage für antifaschistische Widerstandskämpfer und Opfer des Nationalsozialismus.
Konzept und Text: Matthias Neutzner
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