ORT 4 | Mahnmalwand (1963)

Wir stehen nun vor der Mahnmalwand, die den Fluchtpunkt der Mittelachse bildet. Sie wurde 1963 errichtet, als man das zehn Jahre zuvor aufgestellte hölzerne Kreuz an dieser Stelle nicht mehr dulden mochte. Davon wird am nächsten Ort erzählt (ORT 5). Achten Sie auf die Inschrift: Sie gibt die problematische Propagandaerzählung der »Zerstörung Dresdens« mit ihren Überhöhungen und Verdrängungen musterhaft wieder. 

In den 1950er Jahren blieb der Heidefriedhof in der Abfolge der Veranstaltungen der Jahrestage der Luftangriffe nachrangig. Wie die Leiderzählung vom »13. Februar« allein den argumentativen und emotionalen Anknüpfungspunkt für die propagandistischen Botschaften bot, so war die morgendliche Kranzniederlegung an den Gräbern der Luftkriegstoten lediglich Auftakt für die alljährlichen Masseninszenierungen an den innerstädtischen Symbolorten von Zerstörung und Wiederaufbau. 

In dieser rituellen Einordnung hatte die Grabanlage nicht an den inhaltlichen und technischen Erfordernissen der grellen Propagandainszenierungen ausgerichtet werden müssen. Auf explizite Agitation konnte verzichtet werden. Unter zwei Textentwürfen des Dresdner Schriftstellers Max Zimmering für das einleitende Mahnmal entschied sich die Stadtverwaltung für diejenige Variante, die weniger plump agitatorisch formuliert war und den Superlativ der Dresden-Erzählung bediente : Statt einer konkreten Zahlenangabe zog man es vor, die Toten als ungezählt und namenlos zu bezeichnen: »WIE VIELE STARBEN? WER KENNT DIE ZAHL?« Statt den »amerikanischen Imperialismus« direkt anzuklagen, wurden die Täter in die Apokalypse entrückt: »IM HÖLLENFEUER AUS MENSCHENHAND«. Dresden erschien als mythischer Schicksals- und Leidensort jenseits der Geschichte.

22. Juni 1963
Die Mahnmalwand wird errichtet. Im Hintergrund ist das Holzkreuz zu erkennen, dass die Anlage seit 1954 abschloss.

Abbildung: Stadtarchiv Dresden, Bestand 6.4.40.1 Bildstelle Stadtplanungsamt

13. Februar 1975
Kranzniederlegung vor der Mahnmalwand.

Abbildung: Deutsche Fotothek, Höhne-Pohl, 0029396_002

ORT 5 | Kundgebungsplatz | Wir gehen nun durch die Grabanlagen zurück zum runden Kundegbungsplatz in der Mitte der Memorialanlagen.

Konzept und Text: Matthias Neutzner
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